450 Kilometer Blick nach innen

Der Ökumenische Pilgerweg führt quer
durch Mitteldeutschland von Görlitz nach Vacha

Pilgern kann vielerlei sein: Einkehr zu sich, Aufbruch aus Festgefahrenem, Ankommen im Gang der Dinge. Eine spirituelle Übung, die physische Erfahrung der Schwerkraft oder auch eine beziehungsstiftende Maßnahme.

hinter-langensteinWir brachen in Görlitz auf, vor acht Jahren, ein alter Studienfreund und ich, um jedes Jahr eine Woche lang etwas für unsere Freundschaft zu tun. Von der alten, im Krieg zerstörten Neißebrücke führt der Pilgerweg entlang der via regia über 450 Kilometer bis nach Vacha an der Werra. Im Mittelalter rumpelten die Händlerwagen über diese Hohe oder Königsstrasse Richtung Frankfurt, sie brachten Pelze, Wachs, Honig, Teer und Holz aus Nowgorod und Kiew und nahmen auf dem Rückweg flandrische Tuche oder Thüringer Färberwaid mit, der in Gold aufgewogen wurde. Nebenher zogen die Pilger mit, deshalb gibt es am Wege eine Reihe von Jakobus-Kirchen.

Heute nimmt der Wegelauf zum Glück die originale Route nicht zu genau, er schlängelt sich abseits der Bundesstraßen durch Wald und Wiese, über Feldwege, von denen man schon vergessen hatte, dass sie auch ohne Asphalt auskommen – durch die idyllische Dörfchen Sachsens, durch Weinberge an der Unstrut und quer durchs Thüringer Becken über die Hörselberge und den Rennsteig in die Rhön. Im blütenübersäten Frühling, durch gelbe Rapsfelder lässt sich schön pilgern. Aber es gibt auch verwahrloste alte LPG-Ställe am Wege, eintönige Gewerbegebiete und Eigenheimsiedlungen oder das zu Seen geflutete Tagebaugebiet hinter Merseburg. Und Leipzig, durch das man einfach durch muss.

Ein Pilger ist heimatlos auf Zeit und froh, abends sein Bündel irgendwo abzuwerfen. Diese Orte und die Begegnungen gehören zum Reichtum der Reise. Unvergessen das erste Matratzenlager bei Familie Wintermann in einer Gründerzeitwohnung in Görlitz, wir frühstückten mit dem Hausherrn. In einer gediegenen Ferienwohnung auf einem Bauernhof in Nechern war eine Kiste mit Lebensmitteln für Pilger vollgestopft. Vereine haben liebevolle Pilgerherbergen hergerichtet, wie den alten Krämerladen in Schwosdorf oder die Rittergutskirche Kleinliebenau bei Leipzig. In der romanischen Neumarktkirche in Merseburg kann man auf der offenen Empore, in der Dorfkirche in Stedten bei Weimar im Turmstübchen übernachten. Auf dem Bodelschwingh-Hof in Mechterstädt bei Gotha blickt der grüne Inselberg auf das Pilgerbett.

bei-KamenzPilgern macht schweigsam. Bald versiegen die Gespräche, der Blick geht nach innen. Klöster, Kirchen und Kapellen am Wege laden ein, Stock und Hut für einige Minuten abzulegen, sich von der kühlen Stille umfangen zu lassen, zu lauschen. Da saß dann andächtig der Theologe aus Erfurt neben dem Kirchenfernen aus Hamburg.

Dem Pilger begegnet stets ein Stück Sehnsucht der Sesshaften. „Ich wollte den Weg selbst mal gehen, wenigstens den Teil, der hier vorbei führt“, sagte uns die Bauersfrau in Nechern. „Aber man hat ja wenig Zeit.“ Deshalb bereitet sie ein gutes Frühstück für die, die gehen. Nirgendwo sonst haben wir so offene Gastfreundschaft erlebt in unsrer öfter misstrauisch deutschen Welt. Und Pilger bekommen viele gute Worte mit. Werner Lindner, der Küster, den wir in Königsbrück vor der Kirche trafen, nahm uns beide rechts und links an die Hand, zog uns vor den Altar und sang mit uns herzhaft „das Lied eines Lausitzer Dichters“, wie er sagte: „Jesu, geh voran“ von Nikolaus Graf Zinzendorf. Danach sang auch der Weg noch lange.

Die alte Werrabrücke in Vacha ist das Ziel des Ökumenischen Pilgerweges, bis 1989 markierte sie die Grenze der feindlichen deutschen Brüder. Hermann Küng von Vach, ein Servitenmönch, brach von hier einst nach Santiago de Compostela auf und verfasst nach Rückkehr den ersten deutschen Pilgerführer, das war 1495. In der „Rhönbuchhandlung“ erhalten wir den letzten Stempel und eine kleine Urkunde, darauf steht: „Hier ist ein wichtiger Übergang erreicht, das Ziel aber wartet noch.“

Jürgen Reifarth

www.oekumenischer-pilgerweg.de
Hierüber bekommt man den exzellenten Pilgerführer inklusive Pilgerausweis (12 Euro). Im Führer sind viele Herbergen verzeichnet, aktualisierte Listen über die Webseite; mit dem Ausweis erhält man Einlass in den Herbergen und kann darin die Stempel der Stationen sammeln.

Das Evangelische Literaturportal e.V. (www.eliport.de) hat ein Themenheft „Zu Fuß unterwegs“ mit Literaturempfehlungen zum Gehen, Wandern und Pilgern zusammengestellt.